001 – Deutsche in Kiautschou (China)

Brief von Tsingtau nach Schanghai (1900)
Brief von Tsingtau nach Schanghai (1900)

Der abgebildete Brief stammt aus der Zeit der Qing-Dynastie. Genauer gesagt, handelt es sich hier um ein Einschreiben von Tsingtau (Qingdao) nach Schanghai. Dieser sogenannte „Rotbandbrief‘ (red banner cover) trägt deutsche Marken, deutsche Stempel und einen deutsche Einschreibzettel. Wie kamen die deutsche Marken auf einen chinesischen Brief? Die Geschichte beginnt am 1. November 1897 – doch zuerst die Vorgeschichte:

Vorgeschichte:

Aufgrund kolonialer Rivalitäten mit Großbritannien und Frankreich hatte Deutschland ein starkes Interesse im fernen China Fuß zu fassen. 1868 und 1871 bereiste der Geograph Ferdinand Freiherr von Richthofen China.

Die Ergebnisse seiner Forschungsreisen fasste er in verschiedenen Schriften und Kartenwerken zusammen. Besonders hervorzuheben sind das fünfbändige Werk „China: Ergebnisse eigener Reisen“, „Atlas von China“ und die posthum erschienen Tagebücher seiner China-Reisen. Mit seiner Forschung legte von Richthofen einen wichtigen Grundstein für die Erschließung Chinas. Richthofen empfahl die Kiautschou-Bucht für die Anlage eines Hafens und einer Kolonialstadt. Die ganzjährig eisfreie Bucht schien ein guter Ausgangspunkt zur Erschließung des Hinterlandes mit seinen reichen Kohlevorkommen zu sein.

Landkarte des Kiautschou-Gebietes
Landkarte des Kiautschou-Gebietes

Als weitere Voraussetzung für den wirtschaftlichen Erfolg nannte er die Anlage einer Bahnstrecke durch die Halbinsel Shandong. Kiautschou mit einem Hafen und einer Bahntrasse, so von Richthofen, böte den Schlüssel zur wirtschaftlichen Beherrschung des Landes. Helmuth von Moltke, Generalstabs-Mitglied formulierte es wesentlich direkter: „Wenn wir ehrlich sein wollen, so ist es die Geldgier, die uns bewogen hat, den grossen chinesischen Kuchen anzuschneiden.“. Im Sommer 1896 besuchte Alfred von Tirpitz, Chef des Ostasiatischen Kreuzergeschwaders, die Bucht von Kiautschou. Er empfahl dem deutschen Kaiser Wilhelm II. sich auf die Bucht als möglichen Flottenstützpunkt zu konzentrieren. Wilhelm II. liess daraufhin erste militärstrategische Pläne für eine Besetzung ausarbeiten.

Ostasiatisches Kreuzergeschwader
Ostasiatisches Kreuzergeschwader

Der 1. November 1897

Am 1. November 1897 wurden zwei deutsche Missionare der Steyler Mission durch Mitglieder einer chinesischen Geheimsekte in Süd-Schandong ermordet. Die Steyler Mission, ein katholischer Orden, stand bereits seit 1890 schon unter dem Schutz des deutschen Kaiserreiches.

Kaiser Wilhelm II. nahm dies zum Anlass, die Kiautschou-Bucht durch Schiffe des Ostasiatischen Kreuzergeschwaders unter Konteradmiral Otto von Diederichs am 14. November 1897 besetzen zu lassen. Die Truppen des chinesischen Küstenschutzes kapitulierten kampflos. Kein einziger Schuss fiel. Noch bevor die chinesische Regierung von dem Mord erfuhr, hatte die deutsche Marine auf Befehl des Kaisers Wilhelm II. die Bucht von Kiautschou (Jiaozhou) besetzt und das Gelände gesichert. Die chinesische Qing-Regierung bemühte sich den entstandenen Konflikt beizulegen und die Besetzung der Kiautschou-Bucht durch deutsche Truppen zu verhindern. Im Dezember 1897 erkannten die Chinesen, dass die Besetzung durch die Deutschen von langer Hand geplant war und begannen daraufhin mit Verhandlungen über eine Pacht und deutsche Konzessionen für Eisenbahn- und Bergbau in der Provinz Schandong. Am 6. März 1898 schloss die Qing-Regierung mit dem deutschen Kaiserreich einen Pachtvertrag für die Kiautschou-Bucht über 99 Jahre.

In der Zeit von 1897 bis 1914 verwandelte sich das ehemalige Fischerdorf Tsingtau (Qingdao) in die Hauptstadt des „Deutschen Schutzgebietes Kiautschou“. Aus dieser Zeit sind noch viele Bauten erhalten, so zum Beispiel die Brauerei, der Bahnhof und das Postamt, welches mit deutschen Postbeamten besetzt war.

Tsingtau - Brauerei heute (copyrights by M. Weitzel)
Tsingtau – Brauerei heute (copyrights by M. Weitzel)
Tsingtau - Der Bahnhof
Tsingtau – Der Bahnhof
Tsingtau Postamt
Tsingtau Postamt

Die Deutsche Post in Tsingtau stand nicht nur dem dort ansässigen Kreuzergeschwader, sondern auch der übrigen Bevölkerung zur Verfügung. Anfangs hatte die deutsche Post ein anderes Postgebäude bezogen. Da dieses aber nach der ersten Regenzeit baufällig und somit unbewohnbar geworden war, suchte man nach einer Alternative. Ein Neubau wurde in Betracht gezogen. Die Kiautschou-Gesellschaft, eine Privatfirma plante und baute das neue Postgebäude. Nach seiner Fertigstellung am 16. Mai 1901 wurde es an die deutsche Reichspost für jährlich 20.000 Mark vermietet.

Tsingtau - Gesamtansicht
Tsingtau – Gesamtansicht

Um die Briefmarken von den deutschen Marken in der Heimat zu unterscheiden, versah man sie anfangs mit dem Überdruck „China“. In Deutschland nennt man diese Markenausgabe „Vorläufer“. Hier unterscheidet man in „diagonalen“ (Mi. Nr. V 1-6 I) und „steilen“ Aufdruck (Mi. Nr. V 1 II–6 II).

Steiler (links) und diagonaler (rechts) Aufdruck "China"
Steiler (links) und diagonaler (rechts) Aufdruck “China”

Erst im Januar 1901 gab es dann endlich eigene Marken für Kiautschou mit dem Motiv der Kaiseryacht (Mi. Nr. 5-17).

Kiautschou-Marken mit dem Motiv der Kaiseryacht
Kiautschou-Marken mit dem Motiv der Kaiseryacht

Der oben gezeigte Brief ist mit Marken beider Überdruck-Ausgaben frankiert: 10 Pfennig „steil“ in (Mi. Nr. V 3 II c) und 20 Pfennig „diagonal“ (Mi. Nr. V 4 I). Da hier zwei Ausgaben gemischt auf einem Brief verwendet wurden, spricht man von einer „Mischfrankatur“. Als Einschreiben wurde der Brief aufgegeben und abgestempelt in Tsingtau am 22. Dezember 1900. Der Einschreibezettel „R Tsingtau No. 397“ belegt, dass der Brief von der Post erfasst und registriert wurde. Dies geschah bei wichtigen Briefsendungen über deren Ein- bzw. Auslieferung Buch geführt werden sollte. Der Absender erhielt vom Postbeamten in Tsingtau eine Quittung über die Abgabe des Briefes bei der Post. Am Zielort, in diesem Fall Schanghai, durfte nur der Empfänger persönlich den Brief entgegennehmen.

Bei der Übergabe des Briefes in Schanghai durch einen Postbeamten musste der Empfänger den Erhalt des Briefes mit seiner Unterschrift quittieren. Wäre der Brief auf dem Postweg verloren gegangen, hätte der Absender von der Deutschen Post Schadensersatz verlangen können. Als Nachweis über den Erhalt des Einschreibens versah ein Beamter im Postamt Schanghai den Brief am 24. Dezember 1900 mit dem Ankunftsstempel „Shanghai – Deutsche Post 24/12 00“. Für eine Strecke von ca. 750 km brauchte der Brief damals zwei Tage. Ein interessantes Zeitdokument mit viel Geschichte.

Ankunftsstempel Schanghai an Weihnachten 1900
Ankunftsstempel Schanghai an Weihnachten 1900

Falls Ihnen unsere Arbeit gefällt, können Sie uns auch durch Spenden unterstützen. Vielen Dank!

Quellen:

[1] Hoffmann, Walter K. H., Deutschland In China, Neue Zürcher Zeitung, https://www.nzz.ch/deutschland-in-china-1.17576607

[2] MünzenWoche, Das Geld der Deutschen Kolonien, https://www.muenzenwoche.de/de/Archiv/Das-Geld-der-Deutschen-Kolonien/8?&id=59&type=a

[3] Wikipedia, Kiautschou, https://de.wikipedia.org/wiki/Kiautschou

[4] Bundesarchiv, Deutschlands Adler im Reich des Drachen – Deutschland und China im Zeitalter des Kolonialismus – Teil 2 http://www.bundesarchiv.de/DE/Content/Virtuelle-Ausstellungen/Deutschlands-Adler-Im-Reich-Des-Drachen-Deutschland-Und-China-Im-Zeitalter-Des-Kolonialismus-Teil-2-Gouvernement-Kiautschou/deutschlands-adler-im-reich-des-drachen-deutschland-und-china-im-zeitalter-des-kolonialismus-teil-2-gouvernement-kiautschou.html

[5] Michel, Deutschland Spezial Band 1, Schwaneberger Verlag, 2017, S. 686 ff.

[6] Schmidt, W., Geschichte der Deutschen Post in den Kolonien und im Ausland, Konkordia-Verlag Reinhold Rudolph, Leipzig, 1942, S. 357 ff.

[7] Bildmaterial: Ferdinand von Richthofen:https://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/a/a4/%28Ferdinand_von_Richthofen%29_-_Ernst_%28…%29Milster_Ernst_btv1b84510245_%28cropped%29.jpg

[8] Bildmaterial: Kiautschou-Gebiet:https://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/thumb/c/c6/Gefechte_im_Kiatschou-Gebiet.tif/lossy-page1-320px-Gefechte_im_Kiatschou-Gebiet.tif.jpg

[9] Bildmaterial: Kaiser Wilhelm II.: https://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/e/e8/KaiserBill2.jpg

[10] Bildmaterial: Gesamtansicht von Tsingtau, Bundesarchiv, Bild 137-021635, https://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/e/e8/KaiserBill2.jpg

[11] Bildmaterial: Wikipedia, Ostasiatisches Kreuzergeschwader, https://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/e/ed/SMS_Deutschland_%2B_SMS_Gefion2.jpg

[12] Bildmaterial: M. Weitzel, Wikipedia, Tsingtau Brauerei, https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Tsingdao_Brewery.jpg 

[13] Bildmaterial: Wikipedia, Der Bahnhof, Bundesarchiv, Bild137-005517, upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/f/f5/Bundesarchiv_Bild_137-005517%2C_Tsingtau%2C_der_Bahnhof.jpg

[14] Bildmaterial: Wikipedia, Gesamtansicht von Tsingtau, Bundesarchiv, http://www.bundesarchiv.de/DE/Content/Virtuelle-Ausstellungen/Deutschlands-Adler-Im-Reich-Des-Drachen-Deutschland-Und-China-Im-Zeitalter-Des-Kolonialismus-Teil-5-Gouvernement-Kiautschou/012__prinz-heinrich-strasse-mit-postamt-1910.jpg?__blob=poster

Kommentar verfassen

Menü schließen